Vortragsmanuskript · 60 Minuten
Was eine Zahl im Nachweis belastbar macht
DIN V 18599 in der Praxis: Rechenwege, Bezugsgrößen und die Stellen, an denen
Nachweise regelmäßig auseinanderlaufen — nachgewiesen an den veröffentlichten
Vergleichsberechnungen der 18599 Gütegemeinschaft.
Dipl.-Ing. Rolf Krause · Stand 6. September 2026 ·
Grundlage: DIN-18599-Bibliothek mit 51 Berechnungen in 8 Kapiteln
- 00–05Einstieg. Warum zwei Programme dasselbe Haus verschieden rechnen.
- 05–12Normstand und Rechtsstand. Zwei Dinge, die ständig verwechselt werden.
- 12–24Teil 2 — Heizwärmebedarf. Vier Stolperfallen an der Hülle.
- 24–33Teil 5 und 6 — Heizsysteme, Lüftung. Wo die Ausgaben auseinandergehen.
- 33–42Teil 8 — Trinkwarmwasser. Die Kette, deren Reihenfolge zählt.
- 42–47Referenzgebäude. Warum Vereinfachungen hier doppelt wirken.
- 47–55Validierung. 964 Größen, 0 außerhalb der Toleranz — und 223 offene Punkte.
- 55–60Ausblick 2025-10 & Fragen.
01Einstieg — warum dasselbe Haus zwei Ergebnisse hat
5 Minuten · Ziel: das Problem greifbar machen
Zwei Fachleute rechnen dasselbe Gebäude nach derselben Norm und kommen auf verschiedene
Werte. Das liegt fast nie an der Physik. Es liegt an Bezugsflächen, an der Reihenfolge der
Rechenschritte, an der Rundung — und daran, dass zwei Ausgaben derselben Norm im Umlauf sind.
Die These des Vortrags: Ein Nachweis ist nicht dadurch belastbar, dass am Ende eine
plausible Zahl steht. Er ist es dadurch, dass zu jeder Größe gesagt werden kann, nach welcher
Normstelle sie gerechnet wurde — oder dass sie eine deklarierte Eingangsgröße ist.
„Ich zeige Ihnen heute keine Software. Ich zeige Ihnen ein Dutzend Stellen, an denen
Nachweise auseinanderlaufen — und wie man an jeder einzelnen prüft, wer recht hat.“
Die vier Zustände, die jede Größe haben kann
Diese Einteilung trägt den ganzen Vortrag. Sie ist der Unterschied zwischen einer Rechnung
und einem Nachweis:
- Nach Norm gerechnet und nachgewiesen — Rechenweg nach Norm, Übereinstimmung
am Vergleichsdokument belegt.
- Vereinfacht, Fehler beziffert — Näherung statt Normgleichung, mit
gemessener Abweichung ausgewiesen.
- Eingangsgröße — wird nicht gerechnet, sondern deklariert übergeben.
- Nicht rechenbar — Verfahren bekannt, Datengrundlage fehlt. Wird benannt,
nicht geschätzt.
02Normstand und Rechtsstand — zwei Dinge, eine Verwechslung
7 Minuten · Ziel: die häufigste Unsauberkeit abstellen
| Normstand | Rechtsstand |
| Was er steuert | Rechengleichungen, Tabellenwerte, Randbedingungen | Primärenergie- und CO₂-Faktoren, Referenzgebäude, Effizienzklassen |
| Woher | DIN V 18599:2018-09 | GModG, § 86 mit Anlagen 1, 2, 4, 9, 10a |
| Verbindlich | 2018-09 — das Gesetz nimmt diese Ausgabe in Bezug | der zum Ausstellungszeitpunkt geltende Stand |
Der Grundsatz, der daraus folgt: Ein Nachweis darf keine Tabellenwerte zweier Ausgaben
mischen. Entweder vollständig 2018-09 oder vollständig 2025-10 — nichts dazwischen. Der
gerechnete Stand gehört in den Ausdruck.
„Wenn Sie einen Nachweis prüfen, ist Ihre erste Frage nicht ‚welche Zahl‘, sondern ‚welche
Ausgabe‘. Steht sie nicht im Ausdruck, prüfen Sie etwas, das Sie nicht kennen.“
03Teil 2 — der Heizwärmebedarf und seine vier Fallen
12 Minuten · Ziel: die häufigsten Fehler an der Hülle
Aus Hülle, Lüftung, Klima und Nutzung entsteht der Heizwärmebedarf. Zwölf Berechnungen
stecken darin; die vier folgenden Stellen erklären die meisten Abweichungen im Alltag.
| Stolperfalle | Was richtig ist | Wirkung |
| Wärmebrücken-Zuschlag | H′T ohne Fx, HT,eff mit Fx | zwei verschiedene Werte am selben Gebäude — beide richtig, für verschiedene Zwecke |
| Wärmerückgewinnung | ηt nicht in HV einrechnen, sondern über die Zulufttemperatur | sonst wird die Rückgewinnung doppelt oder gar nicht wirksam |
| Speicherfähigkeit Cwirk | auf die Nettogrundfläche, nicht auf AN | verschiebt die Zeitkonstante und damit den Ausnutzungsgrad |
| Rundung von ηt | zwei Nachkommastellen | sonst liegt ein Monat der Zuluftreihe 0,1 K daneben |
Der Wärmetransferkoeffizient in einer Zeile:
HT = Σ (A · U · Fx) + ΔUWB · AHülle —
nach DIN V 18599-2:2018-09, Abschnitt 6.2.1 bis 6.2.4, Gleichungen 45, 48, 50 und 51.
Getrennt geführt nach außen, zu unbeheizten Bereichen und gegen Erdreich.
04Teil 5 und Teil 6 — Heizsysteme und Wohnungslüftung
9 Minuten · Ziel: verstehen, warum Teil 5 die Ausgaben trennt
Wo die Ausgaben 2011-12 und 2018-09 auseinandergehen
| Stelle | 2011-12 | 2018-09 |
| Bezugsdifferenz der Übergabe | konstant 20 K | monatlich |
| Aufwandszahl Heizungspumpe | Cp2/Cp1 ≈ 1,96 | Tabelle 28 neu gefasst |
| Kesselbewertung | Aufwandszahlen | Verlustleistungsmodell |
| Fernwärme-Hausstation | unverändert |
Warum das im Vortrag wichtig ist: Das Vergleichsdokument der Gütegemeinschaft
rechnet auf Grundlage der EnEV 2014, also nach 2011-12. Für Teil 2 ist das folgenlos — für
Teil 5 nicht. Wer dort eine Abweichung findet, hat meist eine Ausgabenfrage vor sich, keinen
Rechenfehler.
Drei Merksätze zu den Heizsystemen
- Netztyp und Leitungslängen sind Eigenschaften der Installation — nicht übertragbar
zwischen Einfamilien- und Mehrfamilienhaus.
- Bei Biomasse ist der Pufferspeicher kein Nebenposten, sondern rund ein Viertel der Nutzwärme.
- Die Leistungszahl der Wärmepumpe ist eine Eingangsgröße, kein gerechneter Wert.
Wohnungslüftung — drei Stromposten, die hineingehören
Ventilator, Regelung und Frostschutz-Vorwärmung. Als spezifische Leistungsaufnahme gelten
0,10 W/(m³/h) für Abluft und 0,40 W/(m³/h) für Zu- und Abluft mit Gleichstromventilator.
Und: Die Heizmonate ergeben sich aus der Rechnung — sie werden nie fest verdrahtet.
05Teil 8 — Trinkwarmwasser, die Kette mit der Reihenfolge
9 Minuten · Ziel: der teuerste Reihenfolgefehler im Nachweis
Fünf Schritte, und der vierte muss vor dem fünften kommen:
- Nutzenergie Qw,b
- Rohrnetz Qw,d
- Speicher Qw,s
- Solarertrag abziehen
- Erzeuger, dann Primärenergie
Der Fehler, der zweistellig kostet: Wird der Solarertrag erst nach dem Erzeuger
abgezogen, liegen End- und Primärenergie zweistellig daneben — rund 22 % auf Qw,f.
Drei Merksätze zum Trinkwarmwasser
- Kennwert und Bezugsfläche gehören zusammen: 12,5 kWh/(m²·a) auf AN
oder 11,0 beziehungsweise 15,0 auf ANGF — niemals gemischt.
- Die Zirkulation trennt in Pumpenbetrieb und Stillstand, im Stillstand mit halber
Leitungslänge und θw,av = 25 °C.
- Endenergie auf Brennwert, Primärenergiefaktor auf Heizwert — vorher durch fHs/Hi
teilen.
06Das Referenzgebäude
5 Minuten · Ziel: warum Vereinfachungen hier doppelt wirken
Das Referenzgebäude übernimmt die Geometrie des zu bewertenden Gebäudes; U-Werte und
Anlagentechnik sind vorgegeben (GModG Anlage 1). Daraus folgt der Verhältniswert
QP/QP,Ref, aus dem sich die Effizienzklasse ergibt.
Die Stelle, an der es kippt: Eine Vereinfachung, die nur auf einer Seite der
Bilanz angewandt wird, verschiebt das Ergebnis, ohne dass sich die Physik ändert. Wer im
Ist-Gebäude vereinfacht und im Referenzgebäude nach Norm rechnet, verändert die Klasse.
Zwei Details, die regelmäßig übersehen werden: Die Abluftanlage im Referenzgebäude wirkt
doppelt — über n50 = 1,0 h⁻¹ und über nnutz = 0,55 h⁻¹. Und für das
GModG-Referenzgebäude gilt unverändert ein Wärmebrückenzuschlag von 0,10 W/(m²K).
07Validierung — wogegen man prüft
8 Minuten · Ziel: zeigen, wie ein Nachweis nachgewiesen wird
Maßstab sind die veröffentlichten Vergleichsberechnungen der 18599 Gütegemeinschaft
e. V. für den Wohnbau — nicht die Ergebnisse einer anderen Software. Geprüft werden
beide Prüfgebäude: Einfamilienhaus 3.2.1 bis 3.2.15, Mehrfamilienhaus 3.4.1 bis 3.4.15, dazu
die Nachtragsfälle zur Auslegungsstaffel 19.
0
außerhalb der 1-%-Toleranz
223
offene Punkte, getrennt ausgewiesen
Nachgemessen am 6. September 2026. Von den 34
Fällen sind 24 nur teilweise geprüft — die nicht geprüften Größen stehen einzeln im
Prüfbericht.
Drei Prüfgrundsätze
- Kein Sollwert wird als Eingang zurückgeführt. Nicht rechenbare Größen
werden als Eingang deklariert und aus der Zählung genommen — sonst prüft man sich selbst.
- Offene Punkte werden getrennt ausgewiesen und nie grün gezählt.
- Wo kein Sollwert taugt, wird eine physikalische Größe geprüft — etwa der
Jahresnutzungsgrad oder der solare Deckungsanteil.
Sagen Sie ausdrücklich, was diese Zahlen nicht bedeuten: Sie sind keine
Normkonformitätserklärung und keine Zertifizierung. Sie belegen die Übereinstimmung mit einem
veröffentlichten Vergleichsdokument, Einzelgröße für Einzelgröße — mehr, aber eben auch nicht
mehr als das. Und 223 offene Punkte gehören in denselben Satz wie die 964 geprüften.
„Eine Software, die Ihnen sagt, sie rechne normkonform, sagt Ihnen nichts. Fragen Sie:
gegen welches Dokument geprüft, wie viele Einzelgrößen, wie viele offen — und darf ich die
Liste sehen?“
08Ausblick — DIN TS 18599:2025-10
5 Minuten · Ziel: einordnen, ohne zu beunruhigen
Nach Sichtung der Teile 2, 4, 5, 8 und 10 betreffen die Änderungen im Wohnbau praktisch nur
Teil 2. Nutzungsprofile, Trinkwarmwasser-Kennwerte und Klimadaten sind
identisch, die Anlagentechnik ist unverändert.
| Änderung | Normstelle | Wirkung |
| Saisonale Fensterlüftung | 6.3.2, Gl. 76–78 | fwin,seasonal = 0,04 · θe + 0,8 — wirkt auf Lüftungssenken und -quellen, nicht auf die Zeitkonstante |
| η-Begrenzung im Ausnutzungsgrad | 6.7.4 | wenn (1 − η · γ) < 0,01 → Monatsbedarf null statt instabilem Restbetrag; betrifft die Übergangsmonate |
| Neue Wärmebrücken-Pauschale | 6.2.5 | 0,03 (alle Anschlüsse Kategorie B) · 0,05 (Gleichwertigkeit) · 0,10 (ohne Nachweis) · 0,15 (Innendämmung mit einbindender Massivdecke) |
| Faktor für niedrig beheizte Räume | Tabelle 5 | Fnb = 0,35 für Bauteile gegen Räume von 12 bis 19 °C — bisher musste man zwischen beheizt und unbeheizt wählen |
Ein Nachweis nach 2025-10 ist derzeit keine zulässige Nachweisführung,
sondern eine Vergleichsrechnung. Das Gebäudeenergiegesetz nimmt weiterhin die Ausgabe
2018-09 in Bezug. Wer nach 2025-10 rechnet, muss den Stand im Ausdruck ausweisen.
09Was den Nachweis belastbar macht
Schluss · vier Sätze, mit denen Sie enden
- Normstand und Rechtsstand sind eindeutig benannt und stehen im Ausdruck.
- Jede Größe ist entweder nach Norm gerechnet oder als Eingang deklariert — nichts dazwischen.
- Jede Vereinfachung ist mit ihrem Fehler beziffert und getrennt ausgewiesen.
- Nachgewiesen am veröffentlichten Vergleichsdokument, Einzelgröße für Einzelgröße.
Fragen, die kommen werden
„Ist Ihre Software normkonform?“ — Diese Aussage macht niemand seriös.
Belegbar ist die Übereinstimmung mit dem Vergleichsdokument je Einzelgröße, und die offenen
Punkte gehören dazu.
„Warum rechnet Ihr Programm anders als meines?“ — Fast immer eine der
drei Ursachen: verschiedene Ausgaben, verschiedene Bezugsflächen, verschiedene Reihenfolge.
Prüfen Sie in dieser Reihenfolge.
„Muss ich jetzt auf 2025-10 umstellen?“ — Nein. Solange das Gesetz
2018-09 in Bezug nimmt, ist 2025-10 eine Vergleichsrechnung.
„Was ist mit den 223 offenen Punkten?“ — Sie stehen einzeln im
Prüfbericht. Ein Teil sind Größen, die das Vergleichsdokument nicht ausweist; ein Teil ist
Arbeit, die noch aussteht. Beides wird benannt, keines grün gezählt.